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Dissertation der Universität Jena 67 Jahre nach der Beendigung veröffentlicht

[Friedrich Schiller Universität]

Jena. In Märchen ist es nicht außergewöhnlich, wenn die Prinzessin in einen 100-jährigen Schlaf fällt, bevor die Geschichte weitergeht. An Universitäten ist dieser Zeitraum eine Ewigkeit und nicht oft übersteht gesammeltes Wissen ein halbes Jahrhundert oder mehr.
Annemarie Zorger (geborene Wagner) ist dieses „Kunststück“ gelungen – wenngleich der Beweis dafür eher dem Zufall, konkreter dem 1941 herrschenden Papiermangel entsprang. Denn Annemarie Neutsch, wie Zorger damals hieß, wurde in jenem Kriegsjahr an der Universität Jena mit der Arbeit „Buchmärchen im Volksmund“ mit „sehr gut“ promoviert. Ihre mündliche Doktorprüfung fand am 19. Juli 1942 statt. Die nun im akademischen Sinne „fällige“ Veröffentlichung des Textes fiel aber dem damaligen Papiermangel zum Opfer. Trotz Unterstützung ihres Doktorvaters Prof. Dr. Carl Wesle wurde ihr „Papiergenehmigungsantrag“ abgelehnt, nicht einmal für die sechs weiteren Pflichtexemplare gab es Blätter. Daher wurde ihr 1942, ohne Ablieferung der Pflichtexemplare, die Doktorurkunde ausgehändigt.
„In den Wirren und Nöten der Nachkriegszeit und der späteren Teilung Deutschlands“ – die Doktorin war zunächst nach Heidelberg, später nach Freiburg/Brsg. gezogen und lebt heute in Regensburg– „standen in den Folgejahren sehr viel dringendere Probleme an, und so geriet die ursprünglich für die Nachkriegszeit geplante Veröffentlichung ihrer Dissertation allmählich in den Hintergrund“, schreibt Zorgers Nichte Prof. Angelika C. Wagner, PhD. im Vorwort des 2008 erschienenen Bandes „Buchmärchen im Volksmund“. Denn die Dissertation ist nun – mit 67-jähriger Verspätung – in der Peter Lang Verlagsgruppe erschienen. Und wie Experten bestätigen, nimmt Zorger in ihrer Arbeit Ergebnisse der Märchenforschung vorweg, die erst Jahre später gemacht werden – ohne von der bis dahin unveröffentlichten Studie aus Jena zu wissen.
Annemarie Zorger hat sich damit beschäftigt, wie (Buch-)Märchen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert verändert werden, wenn sie weitererzählt werden. Sie analysiert 44 Märchen in 49 plattdeutschen Transkriptionen und zeigt daran, wie aus geschliffenen Buchfassungen alltagsangepasste Erzählungen mundartlicher Autoren wurden, die meist aus niederen Schichten kamen. Dabei hat die Verfasserin der Jenaer Dissertation bewiesen, dass diese Volksmärchenerzählungen einen eigenen Stil haben: zielstrebig, handlungsorientiert, unsentimental und gelegentlich auch sehr humorvoll. Anders als ihre gedruckten Vorbilder sind diese erzählten Geschichten von keinerlei religiöser oder erzieherischer Lehrhaftigkeit geprägt. Es sind Erzählungen geworden, die komische Einfälle und belebende Eingriffe enthalten – verträumte Situationen oder romantische Ironie war eben kein Mittel von Kuhknechten, Tagelöhnern und anderen Erzählern.
Zorgers Analyse kann nun von allen Interessierten nachgelesen werden – ohne größere zeitliche Verzögerung.

Annemarie Zorger: Buchmärchen im Volksmund, Peter Lang Verlagsgruppe, Frankfurt/M. u. a. 2008, 36,20 Euro, ISBN 978-3-631- 56539-1; zugleich: Jena, Univ., Diss, 1941


Kommentieren (0 vorhanden) | Lesezeichen | 23. April 2009, 19:48




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